DAS KUNSTWERK BIST DU
Während ich warte
Über die vielen Gesichter des Wartens
Es war Tag.
Lebendige Stunden.
Begegnungen.
Gespräche.
Ideen.
Alles ist in Bewegung.
Die Zeit schien eine Richtung zu haben.
Es war Nacht.
Ich suchte den Schlaf.
Nicht, um dem Tag zu entkommen.
Sondern um in jene Stille einzutreten,
in der das Leben nichts von mir verlangt.
Dort,
zwischen Wachen und Träumen,
begegnete mir eine Frage.
Worauf warte ich eigentlich?
Wir warten öfter, als es uns bewusst ist.
Auf den Bus.
Auf den Frühling.
Auf eine Nachricht.
Auf Heilung.
Auf ein Kind.
Auf den richtigen Zeitpunkt.
Auf bessere Zeiten.
Auf den Feierabend.
Auf den Schlaf.
Das Warten begleitet unser Leben,
oft unbemerkt.
Und doch fühlt sich nicht jedes Warten gleich an.
Ich warte, weil ich Angst habe.
Ich warte, weil ich verletzt wurde.
Ich warte, weil ich hoffe.
Ich warte, weil ich noch nicht loslassen kann.
Ich warte, weil ich voller Ideen bin.
Ich warte, weil ich mich freue.
Ich warte, weil ich jemanden in den Arm nehmen möchte.
Ich warte, weil ich Rosen verschenken möchte.
Ich warte, weil etwas in mir bereits weiß, dass seine Zeit kommen wird.
Dasselbe Wort.
Und doch entstehen unzählige Welten.
Vielleicht verrät das Warten weniger über die Zeit als über uns.
Es erzählt, wo wir verwurzelt sind.
Und wo nicht.
Manchmal warten wir, weil wir keinen Boden unter den Füßen spüren.
Manchmal, weil wir den nächsten Schritt noch nicht sehen.
Manchmal, weil wir glauben, das Leben beginne erst,
wenn etwas Bestimmtes geschieht.
Doch es gibt auch ein anderes Warten.
Ein Warten, das nichts festhält.
Der Gärtner wartet. Nicht untätig.
Er pflegt.
Er gießt.
Er vertraut.
Die Musikerin wartet, bis der richtige Ton entsteht.
Nicht aus Unsicherheit.
Aus Aufmerksamkeit.
Die Nacht wartet nicht auf den Morgen.
Sie ist gänzlich Nacht.
Vielleicht kennt die Natur
gar kein Warten.
Vielleicht kennt sie nur ihren Fluss.
Unser Gehirn richtet sich ständig auf das aus,
was als Nächstes kommt.
Es plant.
Es schützt.
Es vergleicht.
Eine erstaunliche Fähigkeit.
Und doch geschieht dabei etwas.
Der Moment, in dem wir bereits leben,
gerät leicht aus dem Blick.
Nicht immer.
Aber öfter, als wir glauben.
Vielleicht ist das die eigentliche Frage.
Worauf warte ich?
Wie bin ich,
während ich warte?
Bin ich gespannt?
Unruhig?
Verbittert?
Vertrauensvoll?
Offen?
Lebendig?
Oder längst woanders, während das Leben leise an mir vorbeizieht?
Heute wird wieder Tag.
Heute wird wieder Nacht.
Dazwischen liegen Stunden,
die nicht zurückkehren.
Vielleicht gehört auch das Warten zu den stillen Bewegungen des Lebens.
Still.
Joanna Falconer